Grundlagen der Phytotherapie

Was ist Phytotherapie?

Phytotherapie bezeichnet die Behandlung und Vorbeugung von Erkrankungen mit Pflanzen und ihren Zubereitungen. Im Unterschied zur Homöopathie und zur Aromatherapie wirken Phytopharmaka auf der Grundlage messbarer Wirkstoffkonzentrationen: Flavonoide, ätherische Öle, Bitterstoffe, Gerbstoffe, Alkaloide und Polysaccharide entfalten nachweisbare pharmakologische Effekte auf zellulärer und molekularer Ebene.

Phytopharmaka sind in Deutschland als Arzneimittel zugelassen und unterliegen denselben Qualitäts-, Sicherheits- und Wirksamkeitsanforderungen wie chemisch definierte Arzneimittel. Pflanzliche Arzneimittel mit ausreichender Dokumentation erhalten eine Vollzulassung; solche mit langer Anwendungstradition können als "traditionell pflanzliche Arzneimittel" registriert werden.

Geschichte

Die systematische Nutzung von Heilpflanzen reicht bis in die Antike zurück. Hippokrates beschrieb im 5. Jahrhundert v. Chr. rund 300 Heilpflanzen; Dioskurides verfasste im 1. Jahrhundert n. Chr. mit "De Materia Medica" das einflussreichste Kräuterbuch der Antike, das mehr als 1.500 Jahre als Standardwerk galt. Im Mittelalter pflegten Klostergärten und Kräuterbücher wie das Gart der Gesundheit (1485) das Pflanzenwissen systematisch.

Die moderne Phytotherapy entstand im 19. und 20. Jahrhundert mit der Isolierung und chemischen Charakterisierung von Wirkstoffen: Morphin aus dem Schlafmohn (1804), Salicin aus der Weidenrinde (Vorläufer der Acetylsalicylsäure, 1828), Digitalisglykoside aus dem Fingerhut.

Den entscheidenden Schritt zur wissenschaftlichen Anerkennung vollzog in Deutschland die Kommission E des Bundesgesundheitsamts, die zwischen 1978 und 1994 über 380 Heilpflanzenmonografien erstellte und damit erstmals eine systematische Bewertung der Wirksamkeit und Sicherheit von Phytopharmaka nach wissenschaftlichen Kriterien vorlegte.

Wirkprinzipien

Pflanzliche Arzneimittel unterscheiden sich von synthetischen Einzelsubstanzen durch zwei charakteristische Eigenschaften:

Synergistische Wirkung

Ein Pflanzenextrakt enthält hunderte von Einzelsubstanzen, die sich gegenseitig in ihrer Wirkung verstärken, modulieren oder in der Absorption verbessern können. Die therapeutische Wirkung des Gesamtextrakts ist häufig nicht auf einen einzigen Wirkstoff zurückzuführen. Ein Beispiel ist Kamille: Apigenin, alpha-Bisabolol und ätherisches Öl wirken gemeinsam antiphlogistisch und spasmolytisch.

Multi-Target-Mechanismen

Pflanzliche Wirkstoffe greifen oft an mehreren Rezeptoren oder Stoffwechselwegen gleichzeitig an. Baldrian wirkt beispielsweise auf GABA-A-Rezeptoren, Adenosin-Rezeptoren und hemmt den enzymatischen GABA-Abbau – ein Wirkprofil, das mit einer Einzelsubstanz schwer nachzubilden wäre. Dieses breite Wirkprofil erklärt sowohl die häufig milde Wirkung als auch das in der Regel günstigere Nebenwirkungsprofil.

Qualitätsmerkmale

Die Qualität pflanzlicher Arzneimittel ist entscheidend für deren Wirksamkeit und Sicherheit. Wichtige Kriterien:

  • Arzneibuchqualität: Arzneilich verwendete Pflanzen müssen den Qualitätsanforderungen des Europäischen Arzneibuchs (Ph. Eur.) entsprechen. Es definiert Mindestgehalte an Leitsubstanzen, Reinheitsanforderungen und Prüfmethoden.
  • Wildsammlung vs. Anbau: Wildgesammelte Kräuter unterliegen stärkeren Qualitätsschwankungen (Standort, Klima, Erntezeitpunkt). Kultivierte Arzneipflanzen aus kontrolliertem Anbau (GAP – Good Agricultural Practice) bieten gleichmäßigere Wirkstoffgehalte.
  • Erntezeitpunkt: Der Gehalt an Wirkstoffen variiert stark mit dem Entwicklungsstadium der Pflanze. Baldrian-Wurzeln werden im Herbst geerntet, wenn der Valerensäuregehalt maximal ist; Kamillenblüten bei geöffneter Blüte, wenn der Azulen-Vorläufer Matricin am höchsten konzentriert ist.
  • Lagerung: Ätherische Öle verfliegen bei falscher Lagerung; Oxidation und Feuchtigkeit bauen Wirkstoffe ab. Drogentees sollten trocken, dunkel und dicht verschlossen aufbewahrt werden, in der Regel nicht länger als ein Jahr.

Wissenschaftliche Grundlage

Drei Institutionen haben die wissenschaftliche Bewertung von Heilpflanzen maßgeblich geprägt:

Kommission E (Deutschland)

Expertengremium beim ehemaligen Bundesgesundheitsamt, tätig von 1978 bis 1994. Erarbeitete 380 Monografien zu Heilpflanzen und deren Zubereitungen auf Basis klinischer Studien, pharmakologischer Daten und Erfahrungswissen. Rund 250 Pflanzen erhielten eine positive Bewertung ("positiv bewertet"), rund 130 eine negative. Die Kommission-E-Monografien sind bis heute die Grundlage der deutschen Phytotherapie.

ESCOP (European Scientific Cooperative on Phytotherapy)

Europäisches Gremium aus nationalen phytotherapeutischen Fachgesellschaften, gegründet 1989. Erstellt harmonisierte europäische Monografien mit umfangreicherer wissenschaftlicher Dokumentation als die Kommission E. Bislang liegen ESCOP-Monografien zu über 130 Heilpflanzen vor.

HMPC (Committee on Herbal Medicinal Products, EMA)

Ausschuss der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA), zuständig für die europaweite Bewertung pflanzlicher Arzneimittel. Erstellt Community Herbal Monographs, die zwischen "well-established use" (belegte Wirksamkeit) und "traditional use" (Anwendungstradition ohne ausreichende Studienlage) unterscheiden. HMPC-Monografien bilden die Grundlage für EU-weite Zulassungen.

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